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Auch Wörter hinterlassen Wunden

Pro Schulklasse sitzt ein Kind, das regelmässig geschlagen wird. Sorgen bereiten den Fachleuten aber auch die psychische Gewalt, die Eltern ausüben.

Immer wieder. Sei es, weil sie sich als tobende Wutzwerge ans Süssigkeitenregal klammern, dem kleinen Geschwisterchen zum x-ten Mal ein Klötzchen an den Kopf schmettern oder partout nicht die Hausaufgaben machen wollen. Wie darauf reagieren?

Ratgeber füllen dazu ganze Regalwände in den Buchhandlungen. In einem sind sie sich einig: Gewalt ist tabu. Die Realität sieht hingegen anders aus, wie die neuste Studie von Kinderschutz Schweiz zeigt. Jedes fünfte Kind hat schon Schläge auf den Hintern bekommen und jedes zehnte wurde schon geohrfeigt.


Auch Stossen und an den Haaren ziehen erleben mindestens zwei Kinder pro Schulklasse. Die Studie erhoben hat die Universität Fribourg. Insgesamt 1605 Väter und Mütter in der ganzen Schweiz haben die Forschenden befragt. 62 Prozent der Eltern gaben an, gegenüber ihren Kindern nie körperlich gewalttätig geworden zu sein. Bei 38 Prozent der Familien kam dies vor und bei 6,2 Prozent sogar regelmässig. Pro Schulklasse sitzt also mindestens ein Kind, das immer wieder körperliche Gewalt erfährt. Dieser Wert hat sich gegenüber jenem vom Vorjahr (3,1 Prozent) verdoppelt. Gleichzeitig halten die Forschenden fest, dass die Zahl der Eltern, die nie körperliche Gewalt anwenden, seit Beginn der Umfragen im Jahr 2017 im Trend zunehmen.


Kinder, die von brutaler Gewalt betroffen sind, landen im Spital. Auch dort zeigt sich: Die Zahl von misshandelten Kindern nimmt seit Jahren zu. Die Statistik der Kinderspitäler beinhaltet neben den Fällen von körperlicher Gewalt auch jene von psychischer Gewalt,

Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch. Ob es tatsächlich vermehrt zu Übergriffen gegenüber Kindern komme oder ob die Zunahme auf einer grösseren Sensibilisierung basiere, gehe aus den Zahlen nicht hervor, schreibt die Kinderschutzgruppe. Klar ist: Jeder Fall ist einer zu viel.


Jedes zweite Kind von psychischer Gewalt betroffen

Die allermeisten Eltern wollen ihren Kindern nicht wehtun. Weshalb geschieht es dennoch? Stress und gewisse Umstände wie finanzielle oder soziale Probleme erhöhen das Risiko. Auch die eigene Kindheit spielt eine Rolle: Wer als Kind selber Gewalt erlebt hat, schlägt als Mutter oder Vater eher zu. Nicht nur Schläge und Stösse sind schädlich für die Kinderseele. Psychische Gewalt hat eine ebenso schädigende

Wirkung wie körperliche Gewalt. Denn Kinder brauchen Liebe, Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Vertrauen. Verletzen Eltern ihre Kinder mit Worten, gefährden sie deren psychische Integrität, schreiben die Forschenden der Universität Fribourg. Ihre Untersuchung zeigt: Jeder fünfte Elternteil übt regelmässig psychische Gewalt

aus, weitere 36,6 Prozent tun dies selten und 42,3 Prozent nie. Folglich wird jedes zweite Kind mit Worten erniedrigt, lächerlich gemacht, oder es wird ihm mit Alleinsein oder Schlägen gedroht.


Ein ähnliches Bild zeigte sich einem Wissenschaftsteam aus England und den USA. Im Auftrag der britischen Organisation «Words Matter» haben Forschende mehr als 150 Studien zu verbaler Gewalt an Kindern ausgewertet. Dabei ging es unter anderem um Erniedrigung des Kindes, Anschreien, Beleidigen, Demütigen und verbale Drohungen. Den Eltern sei oft nicht bewusst, was abwertende Bemerkungen bei Kindern auslösten, halten die Forschenden fest. Die Auswirkungen können aber weitreichend sein – etwa Depressionen, Aggressionen, Drogenkonsum, aber auch Essstörungen.


Die Organisation «Words Matter» hat in einer Umfrage mit mehr als tausend Kindern erhoben, welche Sätze sie besonders verletzend fanden. Die Kinder nannten dabei Aussagen wie «Du bist zu nichts zu gebrauchen», «Du bist dumm» oder «Du kannst nichts richtig machen». Sätze, die ihnen hingegen Mut machten und ihnen guttaten, waren «Ich bin stolz auf dich», «Du kannst das» oder «Ich glaube an dich».


Was bringt ein Gesetz zur gewaltfreien Erziehung?

Derzeit beschäftigt die gewaltfreie Erziehung auch die Schweizer Politik. Vor knapp einem Jahr hat das Parlament den Bundesrat beauftragt, das Verbot von Gewalt in der Erziehung im Zivilgesetzbuch zu verankern. Anders als die Schweiz kennt Deutschland bereits seit 2000 das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Was hat es gebracht? «Die Einstellung unddie Praxis in der Erziehung haben sich seither verändert, und die Anwendung von körperlicher Gewalt ist deutlich zurückgegangen», sagt Martina Huxollvon Ahn vom deutschen Kinderschutzverbund auf Anfrage. Es reiche aber nicht, ein Gesetz zu beschliessen, es brauche auch Massnahmen. Informationen und alternative Erziehungsmethoden müssten an die Eltern herangetragen werden, sagt Huxoll-von Ahn. Eine Studie habe 2020 gezeigt, dass trotz des Gesetzes die Auswirkungen von psychischer Gewalt zu wenig bekannt seien. Es stehe die Vermutung im Raum, dass sich «Erziehungsmethoden» vom körperlichen Bereich in den psychischen verlagert haben, sagt Huxollvon Ahn. «Eltern wissen zum Grossteil, dass sie ihre Kinder nicht schlagen dürfen. Dass aber auch Demütigungen, Niedermachen, Anbrüllen von Kindern et cetera – nach dem

Gesetz herabwürdigende Erziehungsmethoden und seelische Verletzungen – auch dazu zählen, ist für viele Eltern, aber auch Fachkräfte in Institutionen, nicht gleichermassen im Bewusstsein.»


Ein Bericht im Liechtensteiner Vaterland vom 23.Oktober 2023

 
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