FAQ

Bin ich verpflichtet, eine beobachtete gewaltsame Handlung an Kindern zu melden?


Alle Personen, die schwerwiegende Verletzungen oder Gefährdungen von Kindern beobachten oder vermuten, wie z.B. Misshandlungen und andere schwere Gewaltanwendungen, sexueller Missbrauch, grobe Vernachlässigung oder Suchtmittelabhängigkeit, sind zur Meldung beim Amt für Soziale Dienste (ASD) verpflichtet.

Bei Verdacht auf eine weniger schwerwiegende Gefährdung des Kindeswohls besteht ein Melderecht. Wenn eine Meldung beim Amt für Soziale Dienste (ASD) eingeht, muss dieses die notwendigen Abklärungen durchführen (Art. 20 Abs. 1 KJG).




Zählt da ein Klaps auf den Hintern oder eine Ohrfeige auch schon dazu?


Da ein Klaps auf den Hintern oder eine Ohrfeige keine schweren Gewalthandlungen sind, ist man nicht zur Meldung verpflichtet. Je nach Situation oder Beziehung zu diesen Eltern oder Erziehenden könnte man sie in geeigneter Weise darauf ansprechen.




Mache ich mich strafbar, wenn mir mal die Hand ausgerutscht ist?


Nein, das ist nicht strafbar, aber auch nicht akzeptabel. Im hektischen Alltag ist es nicht immer leicht, angemessen zu reagieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Keine Konfliktsituation mit Kindern verläuft gleich und es gibt verschiedene Möglichkeiten auf das Verhalten von Kindern zu reagieren. Gewalt ist jedoch keine Lösung. Sie schadet Kindern und auch den Eltern.

Eltern brauchen auch mal Entlastung. Schaffen Sie sich Freiräume zum Auftanken. Wenn Sie häufig an Ihre Grenzen stossen, oft die Beherrschung verlieren oder sich einfach bessere Strategien im Umgang mit Ihren Kindern zulegen wollen, scheuen Sie sich nicht, externe Hilfen und Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen oder einen Elternbildungskurs zu besuchen.




Was versteht man unter Gewalt in der Erziehung?


Was unter den Begriff Gewalt in der Erziehung fällt, hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel von Werthaltungen in Familien und Gesellschaften, von kulturellen Normen und von landesspezifischen Gesetzen. Wir orientieren uns an der Definition der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Formen der Gewalt:

Körperliche Gewalt

  1. Schlagen allgemein
  2. Schütteln (von Babys und kleinen Kindern)
  3. Stossen
  4. Treten
  5. Boxen
  6. Mit Gegenständen schlagen
  7. An den Haaren ziehen
  8. Prügeln mit den Fäusten oder mit Gegenständen
  9. Mit dem Kopf gegen die Wand schlagen
  10. Verbrennen (z. B. mit Zigaretten)
  11. Würgen

Bedauerlicherweise werden in der Schweiz und auch in Liechtenstein einige Formen körperlicher Gewalt gesellschaftlich toleriert und als «normale Erziehungsinstrumente» akzeptiert. Dazu zählen Ohrfeigen, Klapse auf den Po, aber auch Schütteln, Stossen, Festhalten, an den Ohren/Haaren ziehen, kaltes Abduschen und Zwicken.

Schwere körperliche Misshandlungen haben oft sichtbare Zeichen wie Brüche, Verbrennungen, Schnitte, Stiche, Quetschungen oder innere Blutungen zur Folge. Sie müssen meist medizinisch behandelt werden und finden in der Gesellschaft in der Regel keine Akzeptanz.

Psychische oder seelische Gewalt

Psychische oder seelische Gewalt ist schwieriger zu definieren als physische Gewalt, weil sie weniger gut sichtbar ist. Und gleichwohl kann auch sie – vor allem, wenn sie regelmässig angewendet wird – starke und möglicherweise lebenslange Auswirkungen für die betroffenen Kinder haben. Besonders häufig tritt psychische Gewalt an Kindern in Form von Äusserungen, verbalen Aggressionen oder nonverbalen Gesten auf:

  1. Drohen
  2. Demütigen
  3. Abwerten
  4. Verachten
  5. Ablehnen
  6. Angstmachen
  7. Blossstellen
  8. Liebesentzug

Auch das Miterleben von häuslicher Gewalt gehört in diese Kategorie, denn Kinder sind auch dann davon betroffen, wenn die Gewalt nicht direkt gegen sie gerichtet ist.

Vernachlässigung

Vernachlässigung findet statt, wenn grundlegende Kindesbedürfnisse wie Fürsorge, Nahrung oder Zuwendung bewusst oder unbewusst vernachlässigt werden.

Wenn solche elementaren Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum nicht befriedigt werden, kann das gravierende Folgen für die seelische, geistige und körperliche Entwicklung des Kindes haben.

Eine Vernachlässigung liegt zum Beispiel dann vor, wenn Kinder nur unzureichend oder gar nicht ernährt, gepflegt, gefördert, gesundheitlich versorgt, beaufsichtigt oder vor Gefahren geschützt werden. Das Risiko für bleibende körperliche und seelische Schäden ist umso grösser, je jünger die Kinder sind. Dies gilt auch für die Gefahr von lebensbedrohlichen oder tödlichen Folgen einer Vernachlässigung.

Vernachlässigung kommt in sämtlichen Gesellschaftsschichten vor. Sie hat ihren Ursprung häufig in finanziellen Sorgen, Beziehungsproblemen oder selbst erlebten Misshandlungen in der eigenen Kindheit. Die sich daraus entwickelnde Überforderung und Erschöpfung kann schnell in teilnahmsloses Verhalten überschwappen, wodurch die Vernachlässigung des Kindes entsteht. Die beiden Formen der Vernachlässigung – die körperliche und die emotionale/psychische treten häufig gemischt auf.

Sexuelle Gewalt an Kindern

Mit sexueller Gewalt ist jede sexuelle Handlung mit oder ohne Körperkontakt gemeint, die eine Person unter Ausnützung eines Machtverhältnisses an einer anderen Person vornimmt. Sexuelle Gewalt an Kindern beginnt oft mit sexualisierten Gesten, die über kurz oder lang in sexuellen Handlungen münden. Sie kann bis ins Erwachsenenalter andauern. Sexuelle Gewalt an Kindern ist eine strafbare Misshandlung!

Mehr zu Formen der Gewalt




Wie wirkt sich Gewalt in der Erziehung auf Kinder aus?


Gewalt in der Erziehung kann unterschiedliche Folgen haben. Die Auswirkungen sind nicht bei jedem Kind die gleichen und abhängig von verschiedenen Einflussfaktoren wie:

  1. Art und Ausmass der Gewalt
  2. Allgemeine Belastungsfähigkeit (Resilienz) des Kindes
  3. Soziale Unterstützung des Kindes durch andere Personen
  4. Allfällige bisherige Belastungen
  5. Alter und Geschlecht des Kindes

Die Folgen von Gewalt in der Erziehung können sein:

  1. Körperliche Schädigungen wie Narben, Wunden oder innere Verletzungen
  2. Kognitive Beeinträchtigungen, zum Beispiel in der sprachlichen Entwicklung oder in den schulischen Leistungen (Letzteres ist vor allem auf eine reduzierte Konzentrations- und Leistungsfähigkeit zurückzuführen)
  3. Emotionale Beeinträchtigungen, zum Beispiel ein reduziertes psychisches Wohlbefinden, depressive Symptome, Ängste, eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung oder ein geringeres Selbstwertgefühl
  4. Gewalterfahrungen in der Kindheit können langfristig zu negativem, unerwünschtem Verhalten führen. Dazu zählen aggressives, kriminelles und antisoziales Verhalten im Kindesalter und als Jugendlicher, aber auch als erwachsene Person. Zudem besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter selbst zur Tatperson(z. B. in Bezug auf häusliche oder sexuelle Gewalt) oder sonst straffällig zu werden.
  5. Ein erhöhtes Risiko, im Erwachsenenalter psychische Störungen wie Depressionen, Ängste bis hin zu Suizidgedanken, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Essstörungen und andere schwere Persönlichkeitsstörungen zu entwickeln
  6. Akute Belastungsstörungen (Schockzustand) als Folge traumatischer Ereignisse wie zum Beispiel sexueller Gewalt, die sich längerfristig zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln können.

Dabei sind die Folgen von Gewalt in der Erziehung für jüngere Kinder gravierender als für ältere Kinder. Ein Grund kann die noch weniger fortgeschrittene Entwicklung von kleinen Kindern sein. Die fehlende Reife führt dazu, dass sie sich weniger vor Gewalt schützen und sich weniger dagegen wehren können. Weiter sind in diesem Alter oft die Eltern die einzigen Bezugspersonen. Kommt die Gewalt von ihnen, hat das Kind keine Ansprechperson, die ihm helfen kann.

Gleichzeitig gilt es zu betonen, dass die Folgen von Gewalt in der Erziehung auch in der Adoleszenz noch schwerwiegende Folgen haben können. Häufig kommen Aggressivität, Depressionen, Suizidgedanken, Ängste sowie Denkstörungen vor.




Ist seelische Gewalt gleich schädlich wie körperliche Gewalt?


Psychische Gewalt ist ebenso schädlich wie körperliche Gewalt.

Die Auswirkungen psychischer Gewalt sind schwerer zu fassen. Oft hat das Erleben von psychischer Gewalt (wie Demütigung, Beschimpfung, Ignorieren, Erniedrigung, Liebesentzug, Drohung, Verängstigung usw.) gar schwerwiegendere Auswirkungen auf die emotionale Verfassung von Kindern als das Erleben von körperlicher Gewalt.

Oft treten unterschiedliche Gewaltformen wie körperliche Gewalt, Vernachlässigung, psychische Misshandlung und sexuelle Gewalt nicht alleine auf, sondern gleichzeitig oder zeitlich gestaffelt. So sind beispielsweise Fälle von Vernachlässigung oder sexueller Misshandlung regelmässig auch mit seelischer Gewalt gekoppelt. Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die verschiedenen Risiken ausgesetzt und durch Probleme bereits belastet sind, ist die Gefahr hoch, dass sie erneut Opfer von Gewalt werden. Daher ist es wichtig, belasteten Kindern und Jugendlichen so früh wie nur möglich Hilfe zu leisten.

Mehr zu Auswirkungen von Gewalt in der Erziehung




Was soll ich tun, wenn ich Gewalt an Kindern beobachtet habe?


Im Sinne des Kindes: Nicht Wegschauen!

Nach Möglichkeit sprechen Sie die Gewalthandlungen an und zeigen Wege auf, sich Hilfe zu holen oder lassen Sie lassen sich selbst bei einer Fachstelle beraten, welche Schritte Sie im Sinne des Kindes setzen können.

Jede Person die den begründeten Verdacht über das Vorliegen einer schwerwiegenden Verletzung oder Gefährdung des Wohles eines Kindes oder Jugendlichen hat, ist verpflichtet beim Amt für Soziale Dienste Meldung zu erstatten. Der Kinder- und Jugenddienst des Amtes für Soziale Dienste führt notwendige Abklärungen durch, leitet geeignete Hilfen ein und ergreift erforderlichenfalls Massnahmen zum Schutz des Kindes.

Je nach Kontext können Anlaufstellen sein:

Kinder- und Jugenddienst des Amtes für Soziale Dienste (T 00423 23 6 72 72)

Eltern Kind Forum

Schulsozialarbeit

Kinderärzte (siehe Beratung- und Hilfe)

Bei sexueller Gewalt: stoppkindsmissbrauch.li (T 236 72 27)

Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche