Rechtliches

Bestrafungsverhalten von Eltern


Es gibt keine repräsentativen Daten für Liechtenstein. Doch es ist anzunehmen, dass sich die Situation in Liechtenstein ähnlich gestaltet, wie jene in der Schweiz. Dazu die Ergebnisse der Studie Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz: Im Auftrag der Stiftung Kinderschutz Schweiz hat das Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg im Jahr 2020 eine Studie zum Bestrafungsverhalten von Eltern in der Schweiz erstellt.

Die Ergebnisse:

  1. Die Hälfte der Eltern berichteten, dass sie körperliche Gewalt in der Erziehung anwendeten.

  2. Kleine Kinder werden eher Opfer körperlicher Gewaltformen als Kinder im fortgeschrittenen Schulalter

  3. Psychische Formen der Gewalt sind häufig: Die Mehrheit der Eltern in der Schweiz wendet psychische Gewalt in der Erziehung an.

  4. Nur für eine Minderheit der Eltern gehören körperliche Formen von Gewalt zu alltäglichen Erziehungspraxis

  5. Jeder vierte Elternteil wendet regelmässig psychische Gewalt in der Erziehung an

  6. Gewalt von Eltern gegenüber Kindern kommt oft im Kontext von schwierigen und eskalierenden Erziehungssituationen vor

  7. Viele Eltern bereuen die Anwendung von körperlicher Gewalt – eine kleinere Gruppe von Eltern zeigt eine gewalttolerierende Haltung, und diese Eltern wenden häufiger Gewalt an

  8. Jede vierte Mutter und jeder dritte Vater sieht in Handlungen wie einem kräftigen Klaps auf den Po keine Gewalt

  9. Jeder vierte Vater beurteit psychische Gewalt nicht als solche.

Die Zusammenfassung lesen




Welche Rechte auf Schutz vor Gewalt haben Kinder in Liechtenstein?


Liechtenstein hat 1995 die UNO-Kinderrechtskonvention unterzeichnet und gesteht damit Kindern und Jugendlichen den Anspruch auf die Entfaltung ihrer Persönlichkeit sowie das Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen zu (Art 19 und 34 UNKRK).

Die Prinzipien und Bestimmungen der UNO-Kinderrechtskonvention haben auch Eingang in das Kinder- und Jugendgesetz (KJG) gefunden. Es finden sich darin zahlreiche Bestimmungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor von ihren Eltern oder sonstigen Bezugspersonen ausgehender Gewalt und zu gewaltfreier Erziehung.




Gewalt in der Erziehung: Wie ist die Situation in Liechtenstein?


Im Mai 2021 veröffentlichte UNICEF Schweiz und Liechtenstein die Studie "Kinderrechte aus Kinder- und Jugendsicht".

Sie entstand aus einer Befragung von Kindern und Jugendlichen von 9 bis 17 Jahren aus der Schweiz und Liechtenstein zwischen dem 20. November 2019 und dem 1. Juni 2020. Ihre Antworten liefern Erkenntnisse darüber, wie junge Menschen die Umsetzung ihrer Rechte aus subjektiver Perspektive wahrnehmen und wo sie sich Veränderungen wünschen. Die Ergebnisse aus Liechtenstein konnten aus der Studie herausgezogen und separat eruiert werden.

In Bezug auf «Gewalt in der Erziehung» geben 30% der befragten Kinder und Jugendlichen aus Liechtenstein an, dass ihnen ihre Eltern schon einmal physisch weh getan haben. 26% geben an, dass ihre Eltern sie schon ausgelacht, nachgemacht, beleidigt oder beschimpft haben. 20% der Kinder wurden von ihren Eltern zur Strafe schon mal ignoriert oder die Eltern haben nicht mehr mit ihnen gesprochen.




Wie sieht die Gesetzgebung in Liechtenstein aus?


Im Kinder- und Jugendgesetz (KJG) finden sich zahlreiche Bestimmungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt. So ist in Art. 3 Bst. b der Allgemeinen Bestimmungen festgehalten, dass Kinder und Jugendliche das Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Körperliche Bestrafung, seelische Verletzung und andere entwürdigende Massnahmen sind unzulässig. Gemäss Art. 6 Best. h soll die Kinder- und Jugendhilfe den gewaltfreien Umgang mit und unter Kindern und Jugendlichen in der Familie und in der Gesellschaft unterstützen.

Das Gewaltverbot für Eltern ist in § 137 Abs. 2 ABGB geregelt: «Eltern haben das Wohl ihrer minderjährigen Kinder zu fördern, ihnen Fürsorge, Geborgenheit und eine sorgfältige Erziehung zu gewähren. Die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig. Soweit tunlich und möglich sollen die Eltern die Obsorge einvernehmlich wahrnehmen.» Gemäss Art 38 KJG gilt dieses Gewaltverbot auch für Pflegepersonen.

Das Zufügen von körperlichen oder seelischen Qualen oder die Vernachlässigung von Kindern kann auch strafrechtlich verfolgt werden, sofern die Bedingungen von § 92 StGB erfüllt sind.




Welche konkreten Schutzmassnahmen zur Verhinderung von Gewalt in der Erziehung gibt es in Liechtenstein?


In den allermeisten Fällen geschieht Gewalt an Kindern und Jugendlichen aus Überforderung, nicht erfüllten Erwartungen oder Enttäuschungen.

Elternberatung kann helfen und zu gewaltfreien Erziehungsmethoden hinführen. Manchmal aber braucht es - je nach Ausgangslage - mehrere psychosozialen Hilfen, um die familiäre Belastungen dauerhaft zu reduzieren und eine gewaltfreie Erziehung zu sichern. Dies können beispielsweise die Inanspruchnahme einer Kinderbetreuung, der Einsatz der Familienhilfe, die Aktivierung von Ressourcen aus dem erweiterten Familiensystem, die Regelung von Konflikten, wirtschaftliche Sozialhilfe, der Einsatz der Schulsozialarbeit, einer Psychotherapie oder dergleichen mehr sein.

Der Kinder- und Jugenddienst des Amtes für Soziale Dienste erarbeitet mit der betroffenen Familie einen Hilfeplan, begleitet den Prozess und steht für den Schutz des Kindes ein.

In manchen Fällen bedarf es auch einer Normverdeutlichung (Gewaltverbot) und der Sensibilisierung bezüglich der Auswirkungen von Gewalterfahrungen auf die Entwicklung des Kindes und deren lebensperspektivischen Langzeitfolgen. Das Amt für Soziale Dienste kann auch Auflagen und Weisungen erteilen (z.B. keine Anwendung von Gewalt oder Nachweis der Drogenabstinenz eines Elternteiles).

Im äusserst seltenen Einzelfall kann auch die – vorübergehende - Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie oder einer Einrichtung zum Schutz des Kindes erforderlich sein.




Welche Möglichkeiten haben Kinder und Jugendliche, wenn sie von Gewalt betroffen sind?


Eine niederschwellige und vertrauliche Anlauf- und Beratungsstelle in Liechtenstein ist die OSKJ-Ombudsstelle für Kinder und Jugendliche (Art. 96 – 98 KJG)

T +423 230 22 33

Je nach Fall können sich Kinder und Jugendliche auch an das Amt für Soziale Dienste (ASD) wenden und sich dort beraten lassen, ohne dass die Erziehungsberechtigten davon wissen (Art. 11 Abs. 3 KJG).

Nach Art. 11 Abs 4 KJG haben Kinder und Jugendliche, deren Wohl gefährdet ist, Anspruch darauf, dass das ASD von sich aus Massnahmen ergreift und Hilfe leistet.

Eine Beratung rund um die Uhr steht Kindern und Jugendlichen durch die Telefonnummer +423 147 oder www.147.ch zur Verfügung.




Wer ist zuständig für die Umsetzung des Recht des Kindes auf Schutz vor Gewalt?


Eltern haben das Recht und die Pflicht, ihre Kinder zu schützen, sie in ihrem Tun zu bekräftigen und anzuleiten. Ein wichtiger Akteur ist zudem der Staat. Er muss Eltern und Erziehende in ihren Aufgaben unterstützen, z.B., indem er die notwendigen Rahmenbedingungen schafft. Zudem ist der Staat (die Kinderschutzbehörde) verpflichtet, einzugreifen, falls Eltern und Erziehende ihren Aufgaben nicht gewachsen sind.