Präsenz, Freiräume und beharrlicher Widerstand

Diplomsozialarbeiter Martin Fellacher spricht über die Komplexität der Kindererziehung, welche Freiräume und Regeln Kinder brauchen und erklärt, was man unter der «Neuen Autorität» versteht.

Eltern von heute müssen sich vieles neu einfallen lassen

Die Eltern stehen aufgrund einer sich rasch wandelnden Gesellschaft vor völlig neuen Herausforderungen, die ihre eigene Elterngeneration noch gar nicht hatte. Man denke nur an die rasante Entwicklung der digitalen Medien, und wie sehr diese innert weniger Jahre unseren Alltag verändert haben. Dazu kommt die Tatsache, dass Erziehungsmethoden, die für unsere Eltern und Grosseltern noch normal waren, plötzlich verpönt sind.

Die heutige Elterngeneration soll sich also vieles neu einfallen lassen – und ist damit teilweise aber schlicht überfordert.

Dazu kommt ein sehr verbreitetes «Eltern-Bashing», wonach angeblich die Eltern immer Schuld haben, wenn ihre Kinder nicht «richtig funktionieren». Das ist weder richtig noch hilfreich.


Die rasche Entwicklung der Gesellschaft fordert neue Erziehungsstile

Der autoritäre Erziehungsstil funktioniert heute nicht mehr, weil wir uns als Gesellschaft über die letzten Jahrzehnte immens rasch entwickelt haben.

Ein hierarchisches Denken, wie es vor einigen Jahrzehnten noch üblich war, wird heute nicht mehr akzeptiert.

Dieses war aber Voraussetzung für autoritäre Herangehensweisen, in denen das Kind vor allem den Auftrag hatte, sich unterzuordnen und zu folgen. Keine Eltern wünschen sich heute für das eigene Kind, dass es sich unkritisch den «übergeordneten» Personen unterordnet – auch wenn wir uns Gehorsam natürlich manches Mal wünschen würden. Bei der antiautoritären Erziehung wurde rasch deutlich, dass diese letztlich nicht zum Wohl des Kindes ist, wie man sich das am Anfang vorgestellt hat. Wir wissen heute, dass antiautoritär erzogene Menschen im Erwachsenenleben tendenziell mehr Schwierigkeiten haben als autoritär erzogene Menschen.


Trotz Resilienz leiden Kinder unter falschen Erziehungsstilen

Glücklicherweise haben Kinder auch Widerstandskräfte, sogenannte Resilienzen, und können auch mal mit weniger idealen Bedingungen klarkommen. Doch wenn Eltern mit Strafe und Gewalt drohen oder diese auch umsetzen, leidet immer die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Und bei antiautoritär erzogenen Kindern ist es vor allem die Orientierung und der klare Rahmen, der fehlt, was mitunter auch dazu führt, dass Kinder mehr Verantwortung übernehmen müssen, als für sie gut ist.


Wenn es einen klaren Rahmen gibt, ist Demokratie in der Erziehung durchaus lebbar

Wichtig ist, dass der Rahmen der Mitbestimmung klar ist.

Das heisst, dass die Erwachsenen vorweg festlegen müssen, welche Entscheidungen in ihrer Verantwortung als Erwachsene liegen, und in welchen Bereichen die Kinder befragt werden können.

Martin Fellacher hatte beispielsweise einmal Eltern in der Beratung, die stolz erzählt haben, dass sie ihr siebenjähriges Kind nun über den Urlaubsort entscheiden liessen. Sie hatten dazu einen Katalog aus einem Reisebüro geholt und dem Kind vorgelegt. Damit ist ein siebenjähriges Kind einfach überfordert. Die Eltern könnten aber sagen, dass sie nach Südfrankreich fahren wollen und zwei Hotels ausgesucht haben. Beim einen schaut der Pool so aus, beim anderen so. Dann kann sich das Kind dazwischen entscheiden, das ist machbar.


Es braucht immer einen Erziehungsverantwortlichen

Eine erstrebenswerte Erziehung bringt zwei wesentliche Dinge mit sich: Das eine ist eine gute Beziehung zum eigenen Kind, das andere ein klarer Rahmen und Erziehungsverantwortliche, die bereit sind, für die Einhaltung dieses Rahmens einzustehen und auch zu kämpfen, wenn notwendig.


Diese Voraussetzungen finden wir im Erziehungskonzept «Neue Autorität», das in den 1990er-Jahren in Israel entwickelt wurde. Entstanden aus der Erkenntnis heraus, dass Eltern sehr rasch in die Hilflosigkeit und Ohnmacht kommen, wenn ihre Kinder sich oder andere gefährden und sie nicht mit Gewalt darauf reagieren wollen. Es brauchte eine komplett neue Herangehensweise. Entwickelt hat sich ein neues Verständnis von Autorität, das sehr stark durch die positive Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen – aber auch beispielsweise Führungskräften und Mitarbeitenden – geprägt ist. Aber eben auch durch einen klaren Rahmen, durch gewaltfreien Widerstand wo nötig, und durch ein Netzwerk aus Erwachsenen, das sich gemeinsam um die gute Entwicklung des Kindes kümmert. Es wurde mit der Zeit zu einer Haltungsfrage.

Die «Neue Autorität» fordert die Bereitschaft, sich auf neue Ideen und Blickwinkel einzulassen. Die eigenen Muster und Denkweisen zu hinterfragen. Und vor allem auch die Erkenntnis, dass wir das Kind nicht kontrollieren können.

Das wird oft vehement bekämpft, denn Eltern glauben, dass ihre Autorität vor allem davon abhängt, dass ihr Kind sich unterordnet. Dem ist aber nicht so. Und wenn man das erkannt hat, nimmt der Druck auf Eltern ab, sie werden wieder handlungsfähig und Dinge können sich in eine gute Richtung entwickeln.


Eltern sollten präsent sein, ohne immer überall dabei zu sein

In der Sozialarbeit spricht man von den drei Stufen der «Wachsamen Sorge». Eltern haben die Aufgabe, im Leben ihrer Kinder Präsenz zu zeigen, aber natürlich auch Freiräume zu lassen. Freiräume gibt es dort, wo es gut läuft, wo das Kind keinen Anlass zur Sorge gibt. Dort, wo Bedenken bestehen, braucht es die elterliche Präsenz. Das bedeutet nicht immer, überall dabei sein zu müssen, aber wenigstens Bescheid zu wissen, wo mein Kind ist, mit wem es sich aufhält, und so weiter. Wir wissen, dass alleine dadurch gefährdendes Verhalten rasch abnimmt.


Kindererziehung ist eine sehr komplizierte Angelegenheit.

Eltern, die so tun, als ob sie nie Probleme hätten, machen sich und anderen was vor.

Martin Fellacher wünscht sich, dass wir lernen, mehr darüber zu sprechen, ohne dass man gleich wieder Angst vor dem vorhin erwähnten «Eltern-Bashing» haben muss.

Ein Ratschlag von Fellacher, den er Eltern mit auf den Weg geben möchte und selbst von einer Freundin bekommen hat: Suche dir eine Person oder Familie in deinem Umfeld, von denen du denkst, dass es dir gefällt, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Orientiere dich an ihnen und höre nicht auf alle anderen Ratschläge, die man ungefragt bekommt, wenn man sich in der Elternrolle befindet.


Das ganze Interview mit Martin Fellacher ist im Liechtensteiner Volksblatt erschienen.

 

Wertvolle Links

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FAQ Gewalt in der Erziehung

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Zur Person

Martin Fellacher

Diplomsozialarbeiter