Wenn Eltern zu Beobachtern werden

In Liechtenstein etabliert sich ein pädagogisches Konzept für Säuglinge und Kleinkinder: In den «Spielräumen» nach der bekannten Kinderärztin Emmi Pikler können sich die Kinder autonom entwickeln, forschen und spielen. Die Eltern lernen loszulassen.

Die Pikler-Pädagoginnen Sonja Güntensperger, Gabi Buhre und Bianca Gunsch. Bild: Daniel Schwendener

Welche Eltern kennen das nicht? Gerne möchte man seinem Baby helfen aufzusitzen, dem Kleinkind erklären, wie es nun den Turm aus Bauklötzen stapeln soll, oder schnell eingreifen, wenn sich zwei um ein Spielzeug streiten. Doch für die Entwicklung der Kinder ist es wichtig, dass sich Eltern zurückhalten und dem Kind Zeit geben, sich nach seinem Tempo körperlich zu entwickeln, zu forschen und Sozialkompetenzen zu erlernen.

Und genau da setzt das pädagogische Konzept der «Spielräume» nach Emmi Pikler, das sich seit über 20 Jahren weltweit etabliert, an. Seit 2014 gibt es den «Spielraum» auch in Liechtenstein und richtet sich an Eltern mit Kindern von sechs Monaten bis drei Jahren. Dabei geht es vor allem darum, dass sich Eltern zurücklehnen und den Nachwuchs eine Stunde lang einfach experimentieren lassen.


«Alles andere als laissez faire»


Mittlerweile gibt es drei Standorte für Spielraum-Gruppen in Liechtenstein. Die Betreiberinnen sind untereinander vernetzt und haben zum Ziel, das Angebot auszubauen und bei den Eltern bekannt zu machen. Im Spielraum «Familienraum» in Eschen treffen sich Sonja Güntensperger vom Spielraum Schaan, Bianca Gunsch von «Gemeinsam wachsen – Raum der Entfaltung» Balzers und Gabi Buhre vom Familien-Raum Eschen zum Gespräch mit dem «Vaterland».


Das Prinzip der Pädagogik ist einfach: Dem Kind freie Hand bei der Bewegungsentwicklung lassen, ihm aber eine anregende, sichere Umgebung anbieten, damit es selbst die Welt im freien Spiel entdecken kann.

Und genau dort setzt das Konzept des Spielraums an: Die Kinder werden nach ihrem Entwicklungsstand in homogene Gruppen mit maximal sechs Kindern eingeteilt. Der Spielraum wird ansprechend und nach dem Alter der Kinder eingerichtet: vielseitige Materialien und Bewegungsgeräte zum Klettern. Die Leiterinnen, welche über eine pädagogische Ausbildung verfügen, begleiten die Kinder. «Wir holen die Kinder dort ab, wo sie im Entwicklungsstand stehen. So, dass es weiter forscht und sich so weiterentwickeln kann», erklärt Gabi Buhre. Trotzdem sei die Haltung alles andere als laissez faire. Die Kinder lernen, dass es Regeln gibt und diese eingehalten werden sollen. Dabei achten die Leiterinnen darauf, dass die Kinder nicht überfordert werden. Ein respektvoller Umgang, Kooperation und Dialog seien dafür grundlegend, halten die Pädagoginnen fest.


Gewaltprävention durch Förderung von Kooperation und Dialog


Die Eltern sitzen während der Stunde am Rand des Raums und beobachten ihre Kinder – ohne einzugreifen. «Für viele Eltern ist es anfangs ungewohnt, die Rolle des Beobachters zu übernehmen, doch dann erleben sie, wie die Kinder selbstständig spielen und forschen und wie diese Eigenständigkeit die Kinder mit Freude erfüllt und bestärkt», sagt Bianca Gunsch. Die Pikler-Pädagogik fördert durch die klare Rollenzuteilung der Eltern als Beobachter die Kooperationsfähigkeit der Kinder wie auch der Eltern. Im non-verbalen Alter von Kleinkindern fusst Kooperation und Dialog auf den Beobachtungsfähigkeiten der Eltern. Wenn Eltern ihre Kinder gut beobachten, entwickeln sie Verständnis und auch das Kind lernt zu verstehen. Ein grosses Anliegen der Spielraum-Pädagoginnen ist das Sensibilisieren der Eltern für einen achtsamen Umgang mit den Kindern. Gezielt bieten die Spielräume Elternabende ohne Kinder an, wo Müttern und Vätern Themen aus dem Alltag und der Spielraum-Stunde, wie zum Beispiel die «beziehungsvolle Pflege», nähergebracht werden. Denn wenn das Wickeln oder Essen für Dialoge und Kooperation genutzt wird, bekommt das Kind die so wichtige Zuneigung. «Achtsamkeit ist eine Art Nährboden für Babys und Kleinkinder», hält Bianca Gunsch fest.


Kinder Kinder sein lassen


Das Bedürfnis für das Angebot von Spielräumen ist in Liechtenstein da. Mittlerweile gibt es insgesamt 15 Gruppen. Die meisten Gruppen sind ausgebucht. Viele Kinder besuchen bereits im Säuglingsalter den Spielraum und bleiben dann oft, bis sie drei Jahre alt sind. Oft entwickeln sich dadurch Freundschaften – nicht nur unter den Kindern, sondern auch unter den Eltern.


Mit dem Wandel der Gesellschaft gewinnt das Angebot der Spielräume immer mehr an Bedeutung. Im Gegensatz zu früher leben die Menschen nicht mehr in Grossfamilien. Es gibt keine Möglichkeiten mehr abzuschauen. Auch der gesellschaftliche Druck und die Medien tragen dazu bei, dass Eltern bei der Erziehung unsicher sind und den Anspruch haben, alles perfekt zu machen. «Wir leben in einer Welt mit vielen Aktivitäten. Im Spielraum können die Eltern auch mal erfahren wie es ist, sich zurückzunehmen und das Kind einfach als Kind zu erleben», halten die drei Pädagoginnen fest.

 

Spielräume in Liechtenstein

Verein SpielRaum in Schaan

spielraum.li


Familienraum e.v. in Eschen familienraum.li


Pikler® SpielRaum in Balzers


Bericht im Vaterland zum Download
Bericht Pikler-Pädagogik im Vaterland
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